Testbericht aus mot-Service-Magazin

Der gute Testbericht aus dem mot-Sevice-Magazin  Heft 23/1987

"Nicht zweimal wird die Jugend uns zuteil" 

Theognis ist übrigens auch meine Meinung Keiner nahm ihn zeitlebens so richtig ernst. Schon seine schmächtige Figur hinderte den Halbwüchsigen daran, als erwachsen zu gelten. Ganz zu schweigen von den Kinderkrankheiten, die seine Konstitution ständig plagten. Wären seine Muskeln nicht gewesen jedermann hätte ihn belächelt. Doch gerade die stempelten den Kleinen zum Kraftprotz. Er wies gar manch größeres Kaliber in die Schranken, und kam ihm mal ein Übermächtiger zu nahe, lief er ihm einfach davon. Sie nannten ihn NSU TT. Lange bevor GTI oder GSI als Hieroglyphe für bizepsgestählte Leistungskuren bekannt wurden, prangte in den 60er Jahren solch Chromzierrat wie TS oder S an Bug, Flanken und Heck der schnellen automobilen Biedermänner. Im Falle des NSU Prinz hieß es TT und später auch TTS. I wie Injektion oder E wie Einspritzung waren damals nur für Luxuskarossen reserviert. Die kleineren Flitzer saugten nochgeräuschvoll, meist über Doppelvergaser, das Gemisch an.Auch der TT war alles andere als ein Leisetreter. Der orangefarbene NSU 1200 TT , Baujahr 1972, dass das mot-Service-Magazin zur Auffrischung alter Fahreindrücke 

 

 

 

 

 

Wie die Feuerwehr

noch einmal fuhr, bewies dem Autor offensichtlich nur allzu gerne, welch kräftige Töne er von sich geben kann.Überhaupt stellt der Winzling die menschlichen Sinne auf eine harte Probe. Die sportlich-sachlichen Rundinstrumente spiegeln mustergültig die Mode des Fahrers wider, zum Ärger der Augen, die sich ob der Reizüberflutung irritiert davon abwenden wollen. Doch intensives Armaturenstudium ist beim Hochdrehen des Motors für diesen lebensnotwendig, denn der Drehzahlmesser besitzt keinen roten Bereich, und ab 5500/min wird's kritisch. Dagegen versuchen die Pupillen bei nasskalter Witterung verzweifelt, die Waschküche in Form der beschlagenen Scheiben zu durchdringen.

 

                                    Charakteristische NSU TT-Merkmale:
                                    Umlaufende Sicke und Doppelscheinwerfer ( oben).
                                    Ölkühler in der linken Heckseite (links).
                                    Sachliche, aber nicht blendfreie Rundinstrumente (unten).

unnützen Ballast, etwa ein Gebläse,
schleppt das Leichtgewicht nicht mit sich herum. Im Rückspiegel stellt man
nach einer Weile in Höhe des Hecks bedeutungsschwere Rauchsignale fest auch eine Art, den Ölverbrauch anzu-
zeigen. Doch derart profane Dinge sind zu vernachlässigen, denn ein geflügeltes Wort unter TT -Fahrern lautet: "Ein TT ohne blauen Dunst ist kein richtiger TT."

Währenddessen atmet die Nase 

Wärmeausdehnung besitzen.

Das Benzin floss dann 

weiter auf den heißen 

Motor.

Zum anderen wurden die 

Leitungen des Ölkühlers häufig 

porös. Ein flammendes Inferno 

war die Folge. Die sportlichen 

NSU-Renner gab es in drei Versionen.

1965 lief der Prinz 1000 TT mit 55 PS als leistungsgesteigerte

unablässig die benzingeschwängerte

Luft der Fahrgastzelle ein. Besonders bei heißem Wetter sollte man den TT nie voll tanken denn in Ermangelung einer Tankentlüftung könnte dies explosive Folgen haben.

Bei Seitenwind sind blitzartige Lenkkorrekturen erforderlich, ansonsten benötigt man anstelle des Führerscheins eher einen Flugschein. Windböen jeglicher Art betrachten den 675 kg leichten PrinzensproB als willkommenen Spielball. Keinen Zweifel über den jeweiligen Straßenzustand läßt die harte Dämpfung aufkommen. Allerdings ermöglicht gerade sie schnelle Kurvenumrundungen, denn die Karosserie neigt sich kaum zur Seite, und die Räder halten unerschütterlich Bodenkontakt. Allein die Sitze könnten besseren Seitenhalt gewähren. Der NSU TT erzielt hohe Kurvengeschwindigkeiten und bleibt dabei lange Zeit neutral. Ein Grund hierfür ist sicher der quer statt längs eingebaute Heckmotor. Auch bei 

Drifts zeigt sich das Auto jederzeit beherrschbar.

Diese Eigenschaften stempelten den Prinz-Abkömmling zum König der Rundstrecken- und Bergrennen, denn er war mit einfacher Mechanik ausgestattet und leicht zu tunen, außerdem dank seinem günstigen Preis erschwinglich für junge Leute. Er war der heiße Ofen der Jugend für Spritztouren und Strandfeten. Doch der TT wollte gepflegt und sensibel behandelt werden. Er war ein Sprinter, 
aber kein Marathonläufer. Verlangte man ihm zuviel ab, wurde ihm schnell heiß. Thermikprobleme schufen oft ÖItemperaturen von über 130 Grad, trotz seitlichem Ölkühler, der hinter einem Ziergitter im Kühlluft-Ansaugkanal installiert ist. Ausgedehnte Vollgasfahrten führten meist zum
Kollaps. Zur besseren Kühlung des Motors hatten Kenner meist die Haube leicht hochgestellt. Aber der NSU TT lief nicht nur wie die Feuerwehr, er wußte einem auch gehörig einzuheizen: Zum einen konnte  sich die Messinghülse, auf die der Benzinschlauch gesteckt wurde, samt diesem aus der aluminiumlegierten Vergaserwand lösen, da Messing und Aluminium eine unterschiedliche 

Ausführung des NSU Prinz 1000 vom Band. 1967 erschien der 

1200 TT mit 65 PS. 

Die Bezeichnung Prinz blieb
bei ihm auf der Strecke. Im
seiben Jahr präsentierte die
Firma noch den TTS mit 70 PS
und 1000 cm3 Hubraum. Das
Auto war in erster linie für
Wettbewerbszwecke in der
1 liter-Klasse gedacht.
Seit Jahren baut das 1873
als "Neckarsulmer Strickma-
schinenfabrik" gegründete
Unternehmen keine eigenen
Modelle mehr. Noch 1955war
es der größte Motorradher-
steller der Welt, doch dann
verhinderten weder das Klein-
wagenprogramm noch der
avantgardistische RO 80 den
Niedergang der NSU-Werke.
1969 wurden sie unter der
Schirmherrschaft von VW mit
der Auto Union zur Audi NSU
Auto Union zusammenge-
schlossen.